Ein Monstrum, 365 Meter hoch

Endlich mal eine gute Nachricht: In der brandenburgischen Provinz steht am 20. September ein Großereignis an, das weltweit Beachtung findet. Denn dort wird ein Windturm auf spektakuläre Weise  in luftiger Höhe zu Ende gebaut. 

In einem schönen Dresdner Altbau sitzt ein Mann und erzählt von seinem außergewöhnlichen Projekt, aber auf eine Weise, als handle es sich um etwas Alltägliches. Dabei läuft der Countdown, denn Ende September ist es so weit, der genaue Termin steht noch nicht fest, denn er hängt von Wind und Wetter ab. Dann wird er hochgezogen, der Windturm, auf stolze 365 Meter, höher als je eine Windenergieanlage an Land.

Auf den Weltrekord kommt es dem Mann hinter dem Schreibtisch nicht an. Er heißt Jochen Großmann, ist Ingenieur und Professor, 68 Jahre alt, hält mehr als 100 Patente. In seiner Firmengruppe werden Großprojekte erdacht, erforscht und marktfähig gemacht. Der Windturm, die enorme Höhe und das beispielhafte Verfahren, wie er entsteht, sorgt in der Branche weltweit für Aufsehen. So waren schon chinesische und indische Delegationen hier und ließen sich die Bauweise dieses Monstrums ausführlich erklären.

Der entscheidende Tag Ende September wird internationale Beachtung finden. Wenn alles wie geplant vonstatten geht, dann kann es gut sein, dass dieser Turm in vielen Ländern auf mehreren Kontinenten nachgebaut wird. Und darauf kommt es Jochen Großmann an: Dass sein Pilotprojekt serienreif wird.

Im Jammertal der deutschen Wirtschaft, in der sich Hiobs-Botschaften aneinanderreihen, wäre eine spektakulär gute Nachricht eine hochwillkommene Abwechslung. Sie könnte ausgerechnet aus der tiefen brandenburgischen Provinz kommen.

        1. Unten und oben

Die höchste Windenergieanlage wächst in Schipkau heran, einem Ort im südlichen Brandenburg, 50 Kilometer nördlich von Dresden gelegen. Bis vor 30 Jahren war diese Gegend von der Braunkohle geprägt. Zurück blieb eine Hochkippe aus der Erde, die riesige Bagger aufgeworfen hatten, um an die Braunkohle heranzukommen.

Damit dieser weiche oder locker gelagerte Boden wieder Last tragen kann, wurde er zuerst einem Standardverfahren unterzogen, das den schönen Namen „Rüttelstopfverdichtung“ hat. Damit nicht genug. Zusätzlich ließ Großmann 20 Meter lange Betonpfähle in das Erdreich bohren. In Kombination mit vier Fundamentalplatten bilden sie die Grundlage dafür, dass der Turm sicher stehen kann und die Hebelkräfte, die der Wind dort hoch oben ausübt, hier unten verteilt werden. Denn eines darf nicht passieren – dass der Turm kippt.

Wo vor noch nicht allzu langer Zeit diese riesigen Schaufelradbagger den Boden nach Braunkohle durchpflügten, entsteht jetzt also ein Windturm, der international für Furore sorgen soll. Wie ist das denn möglich?

                   2.  Der Höhenwindturm

Eine normale Windenergieanlage, wie sie heutzutage in vielen Landschaften zu sehen ist, besteht zumeist aus Stahlrohrsegmenten, die übereinander geschraubt werden, oder sie bilden ein Hybridturm, der aus vorgefertigten Betonringen im unteren Teil und Stahlrohren im oberen Teil kombiniert ist. Sie erreichen eine Höhe zwischen 200 und 250 Meter.

Der Höhenwindturm zu Schipkau weicht von dieser konventionellen Bauweise ab. Hier entsteht eine Stahlgitter-Konstruktion, die an den Eiffelturm in Paris erinnert. Da kein herkömmlicher Kran in der Lage wäre, das schwere Maschinenhaus und die Rotorblätter auf die Nabenhöhe von 300 Metern zu heben, besteht die Konstruktion aus zwei ineinander verschachtelten Stahlgerüsten. 

Da ist der feste Außenturm, ein breites, offenes Stahlfachwerk, das als statisches Stützgerüst dient; es reicht 167 Meter hoch. Und da ist der verschiebbare Innenturm, der im Inneren des Außenturmes sitzt.

Auf diesen Innenturm kommt es an. Er ist das Herzstück der Konstruktion. Ende September werden alle Augen auf ihn gerichtet sein.

Der Innenturm ist in Stabbauweise gebaut. Dabei wird das Tragwerk nicht etwa als geschlossene und durchgehende Wand gebaut, sondern aus vielen einzelnen, miteinander verbundenen Stäben zusammengesetzt und segmentweise zu einem Turm verbaut. Die einzelnen Elemente werden fast immer zu Dreiecken angeordnet. Das ist die stabilste geometrische Form, die sich unter Last nicht verschiebt oder verformt.

Rund 4000 solcher Profile sind hier verbaut worden. Der Turm besteht insgesamt aus rund 22 000 Einzelteilen. Sie werden mit rund 80 000 hochfesten Schrauben verbunden. Jedes Schraubfeld hat einen QR-Code. Die Monteure haben Handscanner, lesen den Code ein und ziehen mit ihrem Akkuschrauber dann die Schrauben wie vorgesehen nach. Übrigens wiegt ein Akkuschrauber 25 Kilo.

Jochen Großmann erfindet, projektiert, plant und überwacht solche Großprojekte. In Schipkau arbeitet er mit der beventum GmbH zusammen. Sie ist eine Tochter der Bundesagentur für Sprunginnovationen, die viel zu wenig bekannt ist, denn, man glaubt es kaum, diese Bundesagentur ist dafür gegründet worden, radikale und bahnbrechende Erfindungen zu fördern. So eine radikale Neuerung ist der Windturm in der Brandenburger Provinz. 

Auf der Grundlage der Projektarbeiten in Schipkau, so stellt sich Großmann das vor, soll ein Weltkonzern entstehen. Sein Ziel ist es, 100 Windtürme in den nächsten fünf bis sieben Jahren überall auf der Welt zu bauen. Er weiß, wie es geht. Ein Konzern zur Zusammenarbeit wird sich unschwer finden lassen.

                  3. Was am 20. September vor sich geht

Als ich im Juni nach Schipkau kam, war der Generator schon da. Er lag auf der riesigen Baustelle, auf der ein Großkran und Mobilkräne in Betrieb waren. Wenn die Windenergieanlage einmal steht und die Rotorblätter den Generator drehen, soll er den Wind in elektrischen Strom umwandeln. Die Größenordnung ist spektakulär: Hier soll doppelt so viel elektrische Energie erzeugt werden wie mit konventionellen Windenergieanlagen. 

Das ist möglich, weil der Wind in 300 Meter Höhe stärker und gleichmäßiger weht. Turbulenzen treten weniger häufig auf. Für die Gewissheit, dass diese Bedingungen dort oben herrschen, sorgte ein Höhenwindmessmast, der im Jahr 2023 errichtet worden war. Er war ausgestattet mit Messvorrichtungen für die Geschwindigkeit des Windes, den Luftdruck und eventuelle Turbulenzen. „Wir haben sogar die Aktivitäten der Fledermäuse beobachtet und festgestellt, dass sie in den Höhen gar nicht mehr fliegen,“ erzählte mir ein Projektmitarbeiter auf dem Baufeld.

Am 20. September wird zunächst der Raupenkran zum Einsatz kommen. Er wird das Maschinenhaus und die Rotornabe auf einer Plattform in 165 Meter Höhe absetzen. In diese luftige Höhe hebt der Kran dann auch die rund 61 Meter langen Rotorblätter, die dann an der Nabe angebracht werden. Das Ganze – Innenturm inklusive Windenergieanlage und Equipment – wiegt 750 Tonnen.

Noch einmal gesagt: Dieses gigantische Manöver, bei dem alles sich nahtlos fügen muss und nichts schief gehen darf, spielt sich in einer Höhe von 165 Metern ab.

Am Maschinenhaus ist der Generator befestigt, der die einströmende Windenergie in elektrische Energie umsetzt. Dazu kommen Elektromotoren, die das Maschinenhaus so drehen, dass die Rotorblätter optimal im Wind stehen. 

Wie aber kommen Maschinenhaus und Rotoren auf die endgültige Höhe von 300 Meter? Mit der Litzen-Technik, wie Jochen Großmann geduldig erklärt. Das ist ein hydraulisches Hebesystem, das in der Schwerlastlogistik oder dem Brückenbau verwendet wird. Der Litzenheber besitzt hydraulische Spannbacken, die die Stahllitzen greifen und vorsichtig nach oben ziehen. Die Ingenieure nennen diesen entscheidenden Vorgang Teleskopieren, weil der innere Turm aus dem äußeren Turm herauswächst. Auch auf dieses Verfahren besitzt Großmann ein Patent.

Das hydraulische Hebesystem muss unbedingt synchron arbeiten. Jede Abweichung würde dazu führen, dass sich der innere Gittermast im Außenturm verkantet. Ende September wird es richtig spannend, draußen in Schipkau auf diesem riesigen Bauplatz.

Wie aber kommen die 365 Meter Höhe zustande, wenn doch die Nabenhöhe bei nur 300 Metern liegt? Man rechnet das senkrecht stehende Rotorblatt hinzu, das sind bis zu 65 Meter, also insgesamt 365 Meter.

                4. Das Ereignis

In Schipkau steht arm 20. September ein Ereignis bevor, das man getrost als historisch bezeichnen kann. Jochen Großmann nennt es lakonisch „den Hub“, um dem Vorgang das Dramatische zu nehmen. Wenn diese ingenieurtechnische Meisterleistung gelingt, kann Großes hieraus entstehen und Schipkau an vielen Orten irgendwo auf der Welt Schule machen.

Und vom Gegenteil, dass der Hub etwa misslingen könnte, wollen wir ausnahmsweise mal nicht ausgehen.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.