Manchmal fragt man sich, wie lange der Mensch eigentlich kreativ sein kann, bis in welches Alter er neugierig bleibt und wie lange er etwas zur Gegenwart beitragen möchte – bis 75, 80, 85? Oft ist es ja so, dass der Körper zwar hinfällig wird, aber der Kopf intakt bleibt.
Jürgen Habermas war 90 Jahre alt, als er sein letztes großes Werk vorlegte, Bescheiden nannte er es „Auch eine Geschichte der Philosophie“. Ein Beitrag zur Genesis des Denkens, mehr nicht,so untertrieb er.Auf rund 2 000 Seiten führte er aus, wie Glauben und Wissen, Religion und Wissenschaft zusammenhängen. Die Rezensenten waren beeindruckt und stellten geradezu beglückt fest, dass er diesmal beim Entwickeln der Begriffe und Argumente sogar Rücksicht auf die Leser genommen hatte.
Ja, das war wirklich neu, denn in seiner Blütezeit erschwerte Jürgen Habermas es eher dem geneigten Publikum, seinen Gedankengängen zu folgen. Eine gewisse Verweigerung, verständlich zu schreiben, hatte Tradition in der Frankfurter Schule, von der er lernte und deren Nachfolge er antrat. Der Maßstab war Theodor W. Adorno, der das dialektische Denken gezielt verrätselte, so dass wir ihm kaum folgen konnten. Dennoch ahmten wir ihn nach, weil es so schön elitär wirkte.
Habermas schrieb weniger manieriert, verlor aber auch den gemeinen Leser aus dem Blick. In einem späten Interview, sagte er fast entschuldigend, Zeit seines Lebens habe er ja eigentlich nur akademische Leser gehabt, eben andere Professoren, Doktoranden und philosophisch gebildete Lehrer. „Aber dieses Mal“, sagte Habermas, sei ihm „ein ganz anderes Lesepublikum begegnet – ganz allgemein nachdenkliche und Rat suchende Personen, darunter Ärzte, Manager, Rechtsanwälte usw. Sie trauen anscheinend der Philosophie noch ein bisschen Selbstverständigungsarbeit zu“. Diese Erfahrung beglückte ihn.
Faszinierend an Philosophen wie Habermas ist dieses auf Du und Du mit den Großen der Geistesgeschichte, von Platon über Montaigne zu Hegel, Marx, Weber und Freud bis in die Gegenwart. Kant, Rousseau und Kierkegaard tauchen in Habermas’ Kosmos wie gute Freunde auf und auch die meisten Gegner bekommen ihren Platz respektvoll zugewiesen. Nur wenige landen auf der Strafbank, zum Beispiel Arnold Gehlen (Der Mensch ist ein Mängelwesen) oder Martin Heidegger (Das In-der-Welt-Sein als wesenhaft Seiendes). Habermas ging es allemal um Kommunikation und Diskurs – um Demokratie, Macht und demokratische Öffentlichkeit und ihr spannungsreiches Zusammenspiel.
Habermas, Jahrgang 1929, hatte nicht nur in Deutschland seine Anhänger. An amerikanischen Universitäten wurde sein Hauptwerk „Theorie des kommunikativen Handelns“ innig analysiert. Er selber weilte öfter drüben und hielt Vorträge an Eliteschulen. Seine Bücher wurden in 40 Sprachen übersetzt und auf der ganzen Welt gelesen. Auch in Japan wie in Italien wurde er ausgiebig rezipiert, Frankreich widmete ihmim Jahr 2014 einen eigenen Kongress. Seine Dankesreden widmete er, ein überzeugter Europäer, einem Plädoyer für mehr Europa.
Sein bekanntestes Buch war schon im Jahr 1962 erschienen: „Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Darin analysierte er das Entstehen der bürgerlichen Öffentlichkeit aus Salons, Lesegesellschaften und den Zeitungen der frühen Neuzeit. Die bürgerlichen Schichten jener Zeit waren Offiziere, Beamte und Akademiker. So meldeten sie im 18. Jahrhundert ihren historischen Anspruch auf Emanzipation von der Adelsgesellschaft und dem Feudalismus an.Habermas’ Blick zurück führte natürlich nach vorn in die Gegenwart, um deren Verständnis es ihm stets ging. Seine Prognose fiel damals eher pessimistisch aus, weil die Kulturindustrie mit ihren Massenmedien lediglich eine Scheinöffentlichkeit herzustellen schien.
1962, im Jahr, als Habermas’ Habilitationsschrift erschien, war Adenauer, steinalt, noch Bundeskanzler. Der Mauerbau lag nur ein Jahr zurück. Mehltau lag über der Bundesrepublik, in der etwa Richter und Staatsanwälte bruchlos aus der Nazi-Zeit in die Demokratie wechseln durften. Der Auschwitz-Prozess fand erst 1963 statt. Die 68er Bewegung, die Habermas heftig kritisieren würde, zeichnete sich noch nicht ab.
„Strukturwandel der Öffentlichkeit“: Dieser Titel prägte sich ein und der Autor musste über die Jahrzehnte immer wieder Stellung zur neuesten Zäsur in dieser Öffentlichkeit nehmen und machte es auch gerne, bis hin zu den sozialen Medien, in denen jeder Leser zum Autoren werden kann.
Habermas sah im Digitalen emanzipatorisches Potential genauso wie die Entfesselung zentrifugaler Kräfte, welche die demokratische Öffentlichkeit zersplittern könnten. Er sagte aber auch, ihn lasse die Dynamik der Netzdiskussionen eher ratlos als pessimistisch zurück.
Die Unentschiedenheit ließ ihm wohl keine Ruhe und deshalb schickte er ein Büchlein 2022 nach, das er „Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik“ nannte. Darin fällt die Prognose wiederum pessimistisch aus.
Habermas war das, was in Amerika „public intellectual“ heisst – ein Gelehrter, der regelmäßig bei wichtigen politischen Ereignissen in Zeitungen und Zeitschriften das Wort ergreift. Sein Biograph Stefan Müller-Dohm sagte von ihm: „Er kann gar nicht anders, das Intervenieren ist ihm auf den Leib geschrieben.“ Das galt für die Pandemie wie für Putins Angriffskrieg. Vor allem aber galt es für Debatten über die deutsche Vergangenheit.
Die berühmteste Debatte entspann sich im Jahr 1986 und ist als „Historikerstreit“ in die Annalen der Bundesrepublik eingegangen. Ihn löste der Historiker Ernst Nolte mit rhetorischen Fragen dieser Art aus: „War nicht der ‚Klassenmord‘ der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ‚Rassenmords‘ der Nationalsozialisten?“ Nolte konnte so verstanden werden, als rechtfertige er den Holocaust in den 1940er Jahren mit Stalins Säuberungen in den 1930er Jahren.
Habermas holte in der „Zeit“ zum Gegenschlag aus und setzte sich mit Nolte und anderen konservativen Historiker grundsätzlich auseinander. Den gemeinsamen Nenner fand er in „apologetischen Tendenzen“, die zu einer „Art Schadensabwicklung“ führten. Die Öffentlichkeit schlug sich auf Habermas’ Seite. Die Sache war geklärt, der Historikerstreit zugunsten der linksliberalen Haltung zum „Dritten Reich“ fürs Erste entschieden.
Jürgen Habermas war einer, der das Schreiben dem Reden vorzog. Das Reden war ihm mühsam, was an einem Geburtsfehler lag, einer Gaumenspalte, an der er gleich als Baby operiert wurde. Vorsichtig deutete er an, dass er in der Schule gehänselt worden sei. Heute würde man Mobbing dazu sagen, was ihm widerfahren ist. Das nasale Sprechen war ihm geblieben und ebenfalls die Scheu vor öffentlichen Auftritten.
Wie fast alle Kinder war Jürgen Habermas in der HJ, der Hitler-Jugend, in der es ihm zufiel, Erste-Hilfe-Kurse zu organisieren. Eintritt zur HJ war Pflicht. Aus der Mitgliedschaft leitete aber ein Journalist in den 1980er Jahren im „Cicero“ ab, dass Habermas ein HJ-Führer und glühender Verehrer des Führers gewesen war. Der Eklat war da. Etliche Historiker wandten jedoch kühl ein, jemand mit einer solchen Beeinträchtigung hätte gar nicht HJ-Führer werden können.
In der Diffamierung lag der Versuch, einen kleinen Historikerstreit zu Lasten von Jürgen Habermas zu entfachen. Die Öffentlichkeit, über die er so viel nachgedacht hatte, schien auf der Lauer zu liegen, um dem weltberühmten Philosophen die klassische Verfehlung nachzuweisen, dass er ein fehlbarer Mensch war, der seine Vergangenheit verbog. Die Skandalisierung schlug aber fehl. Wie gut, wie verdient.
Jürgen Habermas lebte sehr lange unter uns, bis ins 97. Lebensjahr. Universal gebildete Gelehrte wie er sind eine übergroße Seltenheit. Vor ihm kann man sich nur verneigen.
Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.