Ali Khamenei wirkte immer wie entrückt. Sorgfältig gestutzt der Vollbart, rund die Intellektuellenbrille, schwarz der Turban, der rechte Arm nach einem Attentat beeinträchtigt, trat er nur in Erscheinung, wenn es um wesentliche Dinge ging; der Alltagskram blieb dem Präsidenten überlassen, den er ernannte. Das Alter vergrößerte noch die Distanz, die er um sich legte. Auf die gottähnliche Aura kommt es an, wenn jemand Oberster Führer des Iran ist, politisches und religiöses Oberhaupt und Rechtsgelehrter obendrein.
Seit 47 Jahren existiert die islamische Republik, die nur zwei Anführer kennt: den Gründer Ruhollah Khomeini, der zehn Jahre lang regierte, und Ali Khamenei, der 37 Jahre lang regierte. Beide Ajatollahs haben im Gleichklang einen repressiven Staatsapparat aufgebaut, der brutal zuschlägt, wenn er seine Machtstellung bedroht sind.
Sobald sich in den Straßen Widerstand regte, wie zum Beispiel nach dem Mord an Masha Amini im September 2022 oder in den letzten Wochen, schlugen die Basidsch-Miliz die Revolutionsgarden und die Polizei bedenkenlos zu. Danach trat Khamenei auf und machte routiniert ausländische Drahtzieher hinter den Unruhen aus – den „kleinen Teufel“ in Israel und den „großen Teufel“ in den USA. Die Schuld an Aufständen exportieren Diktatoren notorisch, sobald ihre Legitimation in Zweifel gezogen wird.
Iran ist eine Theokratie. Der Oberste Führer ist ausgestattet mit absoluter Macht. Er ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte und ihm obliegt es, über Krieg und Frieden zu bestimmen. Am Ende wird er daran gemessen, wie er sein Land zurücklässt. Die Ära des Ali Khamenei fällt nicht besonders erfreulich aus.
Mit ihm ist der Anspruch auf Hegemonie im Nahen Osten verbunden. Israel spielte dabei die entscheidende Rolle, denn das eigentliche Ziel war und ist die „Zerschlagung und Vernichtung des zionistischen Staates“. In Khameneis Weltbild waren Juden wie Tiere und das Land ein „Krebsgeschwür“. Der Holocaust war in seiner autoritativen Auslegung „ein Märchen“. Die Leugnung der Shoah ist instrumentell folgerichtig, weil Iran dem Lande Israel jedes Existenzrecht abspricht.
Israel war für Khamenei der Erzfeind. Ein Fremdkörper in dieser Region, der eingekreist werden sollte. Und da Israel Atomwaffen besaß, wollte der Ajatollah ebenfalls Atomwaffen besitzen. Iran legte einen Feuerring um Israel. Er bestand aus der hochgerüsteten Hisbollah im Libanon, der nicht ganz so hochgerüsteten Hamas im Gaza und seit kurzem auch aus den jemenitischen Houthis. Dazu bauten vor allem die Revolutionsgarden ihren Einfluss auf Syrien und den Irak systematisch aus.
Der Ring aus Feuer ist allerdings ziemlich erloschen; er kokelt nur noch. Die Hisbollah-Führung: ausgeschaltet. Baschar al-Assad: geflohen. Die Hamas: zerschlagen. Die Herrschaft im eigenen Land: aufs Äußerste gefärhdet. Am Ende seines Lebens lag die Welt, die Ali Khamenei errichten wollte in Trümmern.
Nach dem ersten Krieg im Juni 2025 brauchte die islamische Republik eine Pause zur Regeneration. Deshalb schlug sie Verhandlungen über ihr Atomprogramm vor und zog sie wenig kompromißgeneigt in die Länge. Über mehr, zum Beispiel über ballistische Raketen, wollten die Unterhändler gar nicht erst reden.
Der zweite Krieg, den Israel und die USA seit der Nacht zum Samstag führen, war keine große Überraschung.. Vor allem Benjamin Netanjahu will die Schwäche des Erzfeindes konsequent ausnutzen. Donald Trump hatte mehrmals angekündigt, er werde der Opposition beispringen. Jetzt eröffnet sich die Aussicht auf Wechsel des Regimes.
Benjamin Netanjahu, dessen Maß an Indiskretion berüchtigt ist, hatte sich öfter schon damit gebrüstet, wenn er wolle, könne er sogar den Ajatollah eliminieren. Der amerikanische Präsident, ein bekennender Angeber, plauderte aus, man wisse genau, wo sich der greise Ajatollah aufhalte.
Vor dem Krieg lebte Khamenei mit seiner Familie in einem kilometerlangen Sicherheitstrakt in Teheran. Vermutlich aber zog er sich nach dem 12-Tage-Krieg an einen anderen Ort zurück, wo ihn die Leibwache aus Revolutionsgarden und Geheimdienst am ehesten schützen konnte. Dass Khamenei die Morddrohungen ernst nahm, lässt sich unterstellen. Aber der Mossad wusste, wo er sich versteckte. Eine Bombe fiel auf das Gebäude, in dem der greise Führer lebte.
Wladimir Putin versuchte sich daran, Volodymyr Selenskji töten zu lassen. Der iranische Geheimdienst versuchte sich daran, Donald Trump töten zu lassen. Also schien es nur folgerichtig zu sein, dass der Mossad, der sich ohnehin wie ein Fisch im Wasser in Iran bewegt, Khamenei ermorden wollte.
Der Ajatollah musste noch erleben, dass die Theokratie nach 47 zerfallen kann. Das Regime wankt. Die Hegemonie im Nahen Osten aber fällt an das kriegerische Israel, das erst wieder lernen muss, wie es Frieden schließen kann.
Veröffentlicht auf t-online.de, heute.