Die Lüste der alten weißen Männer

Sie nennen sich die „Überlebenden“, denn sie sind nicht zugrunde gegangen. Eine von ihnen, die Jeffrey Epstein an seine Freunde verkaufte – in dieser abartigen Welt haben sie wirklich von Verkauf gesprochen – nahm sich allerdings vor einem Jahr das Leben. Sie hieß Virginia Giuffre, hatte ein Buch über ihre Qual geschrieben und ist auf einem berühmten Foto mit Prinz Andrew zu sehen, der einen Arm besitzergreifend um sie legt. 

Wie viele Überlebende es sind, wissen wir nicht genau. Ihre Anwälte  schätzen, es waren 500 Mädchen, deren Leben Epstein vergiftete, versehrte oder zerstörte. Irgendwann wird irgendjemand sie genau zählen und ihre Namen nennen. Denn ihnen wird heute viel zu wenig Beachtung geschenkt hat. 

Vor ein paar Tagen saßen einige von ihnen, und dazu gehört wirklich Mut und Selbstüberwindung, hinter der US-Justizministerin Pam Bondi. Die musste sich vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss für ihre hinhaltende Veröffentlichung der Epstein-Dateien rechtfertigen. Bondi dachte aber gar nicht daran, Selbstkritik zu üben oder wenigstens sachlichen Bericht zu erstatten, warum noch nicht das gesamte Material veröffentlicht worden ist. Sie orientierte sich am Verhalten Donald Trumps in Krisenzeiten: Gib nichts zu, geh zum Gegenangriff über, mach sie fertig, sagt ihnen ins Gesicht, dass du dir von ihnen nichts sagen lässt.

Die Überlebenden werden von diesen Leuten, die momentan das Sagen in Amerika haben, kein Wort der Anteilnahme oder des Mitleids oder auch nur des Respekts hören. Etliche Vertreter aus dem Kosmos des Präsidenten sind überbeschäftigt damit, sich einen weißen Fuß zu machen, angefangen bei Elon Musk, der Jeffrey Epstein darum bat, zur nächsten wilden Party eingeladen zu werden, über Bill Gates und Bill Clinton bis zu Handelsminister Howard Lutnick, der Mühe hat zu rechtfertigen, warum er sich auf die Privatinsel Little St. James in der Karibik einladen ließ.

Die Überlebenden waren Objekte der Lust. Die meisten von ihnen kamen aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Oft waren sie auf sich gestellt, weil die Eltern arbeitslos, Alkoholiker oder drogenabhängig waren. Sie waren 14, 15, 16 und mussten selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen. Sie brauchten Jobs und da hörten sie von Freundinnen, dass es diesen netten älteren Herren gab, bei dem man gutes Geld leicht verdienen konnte, 200 Dollar und mehr.

Die Wahrheit sah so aus: Die neuen Mädchen wurden, oft von Ghislaine Maxwell, in den sogenannten Massage-Raum geführt, in dem Epstein nackt auf dem Bauch auf einer Liege lag. Sie mussten sich ausziehen und dann seine Füße und Beine massieren. Und dann kommt in ihren Erzählungen immer der schreckliche Moment, in dem Epstein sich umdrehte. Entweder masturbierte er dann vor ihnen oder er vergewaltigte sie. 

Man kennt diese abgrundtiefen Einzelheiten aus einer guten Netflix-Dokumentation, die sich auf die Hölle in Epsteins Anwesen in Palm Beach konzentriert. Polizei, Staatsanwaltschaft und FBI ermittelten schon in den Nullerjahren wegen Menschenhandels und Sex mit Minderjährigen. Epstein hatte ein Gespür für verletzte, abhängige Mädchen, die auf sein Geld angewiesen waren. 200 Dollar war das Tages-Salär für ihr Leid. Zu den tragischen Episoden gehört, dass Ghislaine Maxwell sie dazu anhielt, Freundinnen oder Schwestern mitzubringen, was einige auch taten.

Es sind Berichte aus der Hölle, wie man sie literarisch von Dante kennt oder aus den Gemälden Hieronymus Boschs. Aber das öffentliche Interesse konzentriert sich ausschließlich auf die alten weißen Männer, die in diesen Tagen serienweise zurücktreten oder sich ihre Erinnerung zurecht lügen. Warum steht der ehemalige Prinz Andrew nicht wegen Sex mit der minderjährigen Virginia Giuffre vor Gericht? Soll er etwa damit davonkommen, dass ihm Titel und Häuser aberkannt werden?

In Epsteins Unterwelt tauchen viele berühmte Namen auf. Sie formen eine weiße Elite, die Umgang mit ihm hielt. Wie weit sie dabei ging, lässt sich in den Millionen Dateien konstruieren. Diese Elite reicht von Wall Street über Hollywood (Harvey Weinstein, Woody Allen, Kevin Spacey) bis in die Regierung Trump. In Norwegen wird gegen einen ehemaligen Ministerpräsidenten und zwei Diplomaten ermittelt. Warum auch die Kronprinzessin E-mails voller neckischer Anspielungen („Paris gut für Ehebruch“) an Epstein schrieb, wird sie noch genauer erklären müssen.

In England verriet Peter Mandelson offenbar Regierungsvorhaben im Vorweg an Epstein. Ob Premier Keir Starmer es schafft, im Amt zu bleiben, ist fraglich. Zwei enge Mitarbeiter traten zurück; offensichtlich hatten sie sich für Mandelson als Botschafter in den USA eingesetzt.

Dass Prinz William und seine Frau Kate öffentlich für die Überlebenden eintreten, spricht dafür, dass sie Angst vor Schaden für die Monarchie haben, wenn noch mehr über Andrews Sex-Leben am Hofe Epstein herauskommen sollte.

Noam Chomsky gilt als Ikone des linken Amerika. Wie er es damit vereinbart, dass er von „Hysterie“ wegen des Missbrauchs von Frauen faselte, bleibt sein Geheimnis. Lawrence Summer war ein Star, dessen Einschätzung der Weltwirtschaft große Beachtung fand. Er taucht in den Dateien genauso auf wie ein Geschäftsmann aus den Emiraten, an den Epstein schreibt: „Wo bist du? Geht’s dir gut, ich fand dein Foltervideo toll.“

In Deutschland gibt es einen Wissenschaftler namens Joscha Bach, dessen Arbeiten Epstein mit Hunderttausenden Dollar unterstützte. Heraus kamen windelweiche Erkenntnisse, die ins Weltbild der weißen Männer passten, weil sie ihre anthropologische Überlegenheit herausstellen: „Frauen neigen dazu, abstrakte Systeme, Konflikte und Mechanismen langweilig zu finden.“ Ja, so reden sie, so denken sie.

Ohne die Metoo-Bewegung läge Epstein wahrscheinlich heute noch auf einer Liege in Palm Beach oder in seinem Haus in New York, bereit zur Massage, darauf wartend, wann er sich umdrehen kann. Erst der Umschwung in der öffentlichen Meinung führte dazu, dass die Behörden endlich mit der Konsequenz gegen ihn vorgingen, die der Menschenhandel mit Minderjährigen verlangt. 

Eine Gruppe junger Frauen ist in der Dokumentation auf dem Weg ins New Yorker Gericht zu sehen. Man kann gar nicht ermessen, was in ihnen vorging, als sie Epstein auf der Anklagebank sitzen sahen. Es war aus für ihn. Er würde niemanden mehr vergewaltigen. Das Gericht lehnte die Kaution von 500 Millionen Dollar ab.

Das war 2019 und endete mit Epsteins Selbstmord in der Zelle. Zwei Jahre später stand Ghislaine Maxwell vor Gericht. Sie erweckte in den Mädchen Vertrauen durch ihre britische Upper-Class-Eleganz. In Wirklichkeit war sie der Zerberus, der am Zugang zur Unterwelt die Wacht hält. Sie führte Epstein die jungen Mädchen zu und hatte so Macht über ihn. Die Jury war beeindruckt von den Schilderungen der Überlebenden und verurteilte Maxwell als Sexualstraftäterin zu 20 Jahren Haft.

MeToo hat an Wucht verloren. Heute regiert ein Mann die USA, der von sich gesagt hat: „Wenn du ein Star bist, kannst du dir alles erlauben. Pack sie bei der Muschi.“ Das ist der MAGA-Leitsatz von den echten Männern, die sich nehmen, was sie brauchen. Was Epstein und Ghislaine Maxwell als industrielles Sex-Imperium in einem Schattenreich aufzogen, findet in diesem Präsidenten in hellem Licht der Öffentlichkeit seine kulturelle Fortsetzung.

Noch warten weitere drei Millionen Dateien im Justizministerium darauf, veröffentlicht zu werden. Es ist noch lange nicht zu Ende. Noch mehr weiße alte Männer werden zurücktreten und hoffentlich vor Gericht landen. Auf TikTok tauschen sich Kinder darüber aus, wie sie herausfinden können, ob ihr Vater oder ihre Mutter in den Epstein-Dateien auftauchen. Kein Wunder aber auch, dass Verschwörungstheorien in alle Richtungen sprießen.

Hat Epstein sich wirklich in seiner Zelle umgebracht oder ist er nicht vielmehr umgebracht worden? Warum waren die Kameras ausgeschaltet und warum kontrollierten die Wachen nicht Epstein, wie es vorgeschrieben war? Und wird Ghislaine  Maxwell am Ende begnadigt, weil sie behauptet, Trump habe nichts von dem Mißbrauch gewusst?

Die Überlebenden haben sich untereinander vernetzt. Sie haben gute Anwälte, die ihre Interessen vertreten. Wenn es gut geht, dürfen sie in weiteren Prozessen ihre Geschichte erzählen und weitere Peiniger ins Gefängnis schicken.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.