Der die Verhältnisse tanzen lässt

Nacht für Nacht gehen sie in vielen iranischen Städten auf die Straße. Diesmal sind es nicht nur  junge Menschen und Frauen jeden Alters, sondern vor allem die mittelständischen Geschäftsleute. Sie leiden unter dem freien Fall des Rial, weshalb sie lieber ihre Waren horten, anstatt sie Tag für Tag billiger feilzubieten. Dazu fällt der Strom beständig aus und das Wasser ist so knapp, dass das Regime über die Aussiedelung von mindestens einer Million Bürger nachdenkt. Die Theokratie, die Iran seit 1979 beherrscht, steht vor dem Ruin – wirtschaftlich, politisch und moralisch sowieso. 

Das Regime ist nur noch groß im brutalen Unterdrücken der Unruhen. Dutzende Demonstranten haben ihre Schlägertrupps schon umgebracht. Ali Khamenei, der geistige Führer, verunglimpft den Protest als Versuch, Trump „zu gefallen“. 

Das wird ihm gefallen, dem amerikanischen Präsidenten. Die Welt dreht sich wie ein Karussell um ihn. Kolumbien und Kuba befürchten, dass es ihnen bald schon so ergehen wird wie Venezuela. Der allmächtige Wladimir Putin schweigt vorsichtshalber über das Kapern seines Öl-Tankers. Die venezolanische Friedensnobelpreisträgerin Maria Corina Machado bietet Trump ihre Auszeichnung an, zu seinem Vergnügen. Und den Mullahs in Teheran droht er mit Vergeltung, wenn sie weiterhin ihre eigenen Bürger töten. „Wir werden uns einmischen, wir werden sie sehr hart treffen, wo es wehtut,“ sagt er. Seine Militärs lässt er Vorschläge ausarbeiten, welche Ziele sie diesmal am besten aus der Luft zerstören könnten. 

Ein Jahr ist es am 20. Januar her, dass Donald Trump ins Amt gelangte. Nur ein Jahr, kaum zu glauben. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Ereignisse seither überschlagen, hat in jüngster Zeit exponentiell zugenommen. Mit „America First“ begann es aus heutiger Sicht eher harmlos. Auf dieser Grundlage entwickelte sich der frei flottierende Imperialismus, der jedes Land treffen kann. Mit vulgärem Sound stellt Trump abwegige territoriale Forderungen in Serie; nur Kanada scheint inzwischen im Windschatten zu liegen.

Die Weltgegenden, denen Trumps beliebige Interventionen gelten, sind überschaubar. Da ist der gesamte Nahe Osten, inklusive Iran und die arabischen Öl-Länder. Da ist Europa, inklusive Russland, und da sind Südamerika samt der Karibik. 

Was daraus entstehen mag, ist eher eine neue Weltunordnung als eine Weltordnung. Gesetzt dem Fall, Trump nimmt sich Grönland, mit welchen Mitteln auch immer. Dann ist  die Nato hirntot, wie es Emmanuel Macron schon vor Jahren vorhersah. Die Folgen wären furchterregend für Europa und würden die USA schwächen, was Trump aber nicht zu stören scheint. Gesetzt aber dem Fall, er garantiert die Souveränität der Ukraine, bleiben die USA die Weltmacht, die sie seit 1945 sind. 

Trump ist für beides gut, für Grönland und die Ukraine. In einem Interview sagte er, die Grenze seines Handelns sei allein seine Moral. Normalerweise ist damit ein Kanon gemeint, der richtig und falsch trennt, gut von böse, und damit auch bestimmt, wie weit jemand in der Verfolgung seiner Interessen zu gehen bereit ist und welche rote Linie dabei nicht überschritten werden darf.

Der Imperialismus à la Trump ist aber eine permanente Grenzüberschreitung. Sein Kanon ist die Entfaltung von Macht und ihre schrankenlose Projektion auf Gebiete von Interesse. Institutionen politischer Moral wie die Uno oder die Unesco verachtet er. Gerade sind die USA aus 66 weiteren internationalen Organisationen ausgestiegen, ein Rekord fürs Guiness-Buch. Das Völkerrecht gehört für Trumpisten, aber nicht nur für sie, zu den Nettigkeiten, auf die Schwächlinge die Starken gerne verpflichten möchten, weil sie ihnen außer Moral nichts entgegenzusetzen wissen.

Wie lässt sich der Wirbelwind der Veränderungen, das Dauerfeuer der Umbrüche einordnen? Mir kommt ein Denker aus der Weimarer Republik in den Sinn. Carl Schmitt zog seine Schlüsse aus den Umbrüchen seiner Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und ist dank Trump, aber auch dank Putin und Xi wieder aktuell. Auf ihn gehen zwei Denkweisen zurück. Die eine heißt, Grundlage des Politischen ist das Freund-Feind-Denken. Dazu lieferte Trump ein erhellendes Beispiel.

Bei der Trauerfeier für den ermordeten Jung-Trumpianer Charlie Kirk spielte sich eine bewegende Szene ab. Diee Witwe aus christlicher Überzeugung unter Tränen dem Mörder ihres Mannes und erntete dafür Applaus. Trump war über diese Nachsicht und dieses Echo so erbost, dass er eine wütende Gegenrede hielt. Niemals vergebe er einem Feind, den er hasse, sagte und er wolle weiß Gott nicht das Beste für ihn.

Von seiner Rachsucht können viele seiner Gegner von gestern ein Lied singen. Wie weit würde Trump wohl gehen, wenn er noch weiter gehen könnte?

Die zweite Denkweise Carl Schmitts umkreist Großräume als das Gehäuse für Weltmächte. In ihnen dulden sie keine Konkurrenz. Am Beispiel Venezuela praktiziert Trump, was damit gemeint ist. China hat sich in Südamerika und in der Karibik festgesetzt. Es baut Häfen und Straßen, importiert Soja und Öl und ist für die USA deshalb ein Ärgernis. 

Die westliche Hemisphäre ist seine ureigene Interessensphäre, darauf hat sich Trump jetzt festgelegt. Der Wettstreit der Systeme von Staatskapitalismus und US-Kapitalismus ist in dieser Weltgegend schon ausgebrochen.

Die Aufteilung in Großräume erhellt das Vorgehen Trumps seit einem Jahr. Deshalb denkt er auch nicht daran, den Nahen Osten als Interessensphäre aufzugeben. Den Regimewechsel in Iran herbeizuführen, gehört dazu. Der politische Einfluss wird durch ökonomischen ergänzt. Die idealen Partner sitzen in Saudi-Arabien und den Emiraten, die mit ihrem ungeheuren Reichtum eine neue Region aufbauen können, sobald sie ihren Erzfeind, das Mullah-Regimes, los sind. Sie müssen nur wollen, was sie zweifellos können.

Solche Vorstellungen von Krieg und Frieden in dieser hochkomplexen Region wären vor einem Jahr noch für Hirngespinste gehalten worden. Heute kann man da nicht mehr so sicher sein. Im Zeitalter Trump vermag das Unmögliche möglich werden.

Zu welchem Großraum aber gehört Europa? Zur Weltmacht sind die USA durch zwei Weltkriege und durch die Dominanz in Europa geworden. Manchmal scheint Trump nach dieser Tradition zu handeln, zumal dann, wenn ihn Macron/Starmer/Merz Ehrerbietung erweisen. Manchmal aber wirft er Wladimir Putin Europa zum Fraße vor. 

Innerhalb eines Jahres hat Donald Trump viele  Verhältnisse in der Welt zum Tanzen gebracht. Was daraus entsteht, ist nicht absehen. Seine Ruhelosigkeit  lässt die Dinge nicht reifen. Ihm genügt der Zirkus-Effekt, der uns den Atem raubt.

Die Ereignisse in Iran passen in dieses Muster. Gut möglich, dass Donald Trump seine B 2-Bomber bald wieder los schickt, diesmal als Rächer der Märtyrer. Wer sollte ihn daran hindern?

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.