In der vergangenen Nacht ging mir mal wieder eine Geschichte durch den Kopf, die ich in Teilen auf meinem Blog schon erzählt habe. Die Perspektive ist diesmal anders.
ich erinnere mich an ein Pokalspiel in München, ein Halbfinale zwischen Bayern und dem BVB im Jahr 2017. Mein Sohn Jonathan und ich saßen auf ziemlich guten Plätzen. Auf der Höhe der Trainerbänke und damit in der Mitte des Stadions, gleich weit von beiden Toren entfernt. Bei Bayern spielten damals schon Lewandowski und Hummels, ausgekauft aus Dortmund. Dazu war Mikytarjan abtrünnig geworden. Die Bayern waren, kein Wunder, haushoher Favorit. Lahm und Alaba bildeten die Außenverteidigung, Vidal und Xabi Alonso das Mittelfeld, Ribéry und Robben die Flügelzange, Thiago sollte das Spiel lenken. Der Trainer hieß Carlo Ancelotti.
Der Dortmunder Trainer war Thomas Tuchel. Es war bewundernswert, was er aus dieser Mannschaft, die ihre Achse eingebüßt hatte, herauszuholen vermochte. Weigl und Castro im Mittelfeldr, Bender und Sokratis in der Innenverteidigung, Schmelzer und Pisczek außen, Dembelé rechts, Guerrero links, Reus und Aubameyang vorne. Im Tor Bürki.
Bayern war haushoch überlegen, schoß 24mal aufs Tor, der BVB 11mal. Bayern spielte 675 Pässe, der BVB 300, Bayern hatte 89 Prozent Ballbesitz. Die Statistik gibt ein Spiel wieder, das gut 4:1 hätte ausgehen müssen. Statistiken können lügen.
Absurderweise ging der BVB 1:0 in Führung. Martinez beging einen kapitalen Fehler, passte zu langsam zu Ulreich zurück, Guerrero ging dazwischen, traf aber nur den Pfosten und dann war Reus schneller als Lahm. Was folgte, war ein einziger Sturmlauf der Bayern. 28. Minute,Ecke von rechts, Kopfball Martinez. 41. Minute, Weiter Pass von Xabi Alonso auf Ribéry, der nach innen zieht und mit dem Innenrist Hummels bedient, Ball drin. Bayern führt 2:1 und hat in der Folgezeit etliche Chancen, davon zu ziehen. Mein Sohn und ich leiden unter der Dominanz der Bayern, die ein schönes Spiel aufziehen und sich doch bald belohnen werden, oder? Und dann kommt die 64. Minute: Bürki verliert im Strafraum den Ball, Lewandowski legt Robben auf, das Tor ist leer, Robben schießt und dann kommt das riesig lange Bein von Bender und spitzelt den Ball weg.
Das war der Moment, als mein erfahrener Sohn sagte: Jetzt gewinnt der BVB. Und dafür sorgte dieser 19 Jahre alte Dembelé, den jeder andere Trainer in dieser Phase längst heruntergenommen hätte, weil das Zurücklaufein bei ihm kaum mehr als eine Alibi war und auch sonst von ihm wenig zu sehen war. Aber Thomas Tuchel vertraute dem Genie, das diesem pfeilschnellen Schlaks innewohnte. 69. Minute Dembelé hat rechts im Strafraum durch einen schnellen Schlenker ein wenig Freiraum, flankt so sanft wie präzise auf den zweiten Pfosten und Aubameyang steigt hoch. 2:2.
Ein Schock, denn gerade eben noch hatten die Bayern die x-te Chance vergeben zur Entscheidung . Der manchmal irrlichternde Bürki hielt jetzt richtig gut. Dann die 74. Minute. Guerrero und Reus nehmen Lahm im Mittelfeld den Ball ab. Die wilde Jagd geht los. Reus zu Guerrero, Guerrero zu Reus, der zu Dembelé passt, der noch einen Abwehrspieler aussteigen lässt und dann den Befall unter die Querlatte hämmert. 3:.2. Es war der 26. April 2017 und ein erstaunlicher Sieg einer Durchnittsmannschaft mit zwei Ausnahmekönnern, die beide Siegtore erzielten.
Dembelé war 19 und wem er seine phänomenale Entwicklung zu verdanken hatte, wußte er genau: Thomas Tuchel. Nach seinem herrlichen Tor rannte er zu seinem Trainer. Und er wäre mit einiger Gewissheit beim BVB geblieben, hätt nicht Aki Watzke in seiner unendlichen Weisheit Tuchel nach dem Pokalgewinn hinausgeworfen. Übrigens benötigte Watzke acht Jahre lang, um diese Entscheidung als Fehler einzugestehen. Was Tuchel mit dieser Rumpfmannschaft erreicht hatte, wusste er damals nicht zu schätzen. Wichtiger war der Typus Tuchel: Ein Perfektionist, in dem Pep Guardiola sich selber erkannte. Sein Charakterfehler bestand darin, dass er nicht wie Kloppo war. Nicht so volkstümlich, kein Biertrinker, kein Skatspieler, keiner, der sein Herz auf der Zunge trug.
Die Folge war, dass Dembelé seinen Verkauf (er brachte dem BVB 100 Millionen ein) nach Barçelona erzwang. Dort fand er nicht den Trainer vor, der ein Auge für ihn hatte. Er war öfter verletzt, fiel durch Undiszipliertheiten auf. Messi war der König, Busquets und Piqué mit der Stegen die Achse. Dembelé durfte nicht mehr der große, begabte Junge sein, der an der Hand genommen werden wollte. Er war nun der 100-Millionen-Mann, der gefälligst sein Geld wert sein sollte. Im August 2023 geht er zu PSG, lässt das Missverständnis hinter sich. Er ist Nationalspieler, einer der besten Linksaußen auf dem Planeten. bedient in den folgenden Jahre Neymar und Messi und bald dann auch noch Mbappé. Er beklagt sich nicht, er ist zuverlässig und dient eben Größeren, das ist sein Schicksal, oder nicht.
Und dann zerfällt PSG. Einer nach dem anderen zieht davon. Und dann findet er den zweiten Trainer in seinem Leben, acht Jahre nach TT: Luis Henrique. Der macht ihn zum Herzstück der neuen Mannschaft, die er formt und die uns alle bezaubert. Dembelé ist jetzt ein Mittelstürmer, wie es ihn selten gibt. Immer unterwegs, im Mittelfeld, auf den Flügeln. Mal Spielmacher, mal Sturmspitze, mal hängende Spitze. Kaum auszurechnen. Mit seiner Schnelligkeit und Spielintelligenz eine Augenweide. Wahrscheinlich hat er selber nie daran gedacht, dass nicht Messi, nicht Neymar, nicht CR 7 den Ballon d’Or gewinnen würde, sondern er, das Produkt eines überragenden Trainers, sympathisch und bescheiden, dem jedermann seine Trophäe gönnte.
Was aus Spielern wird oder nicht wert, die ohne übergroßes Ego zurecht kommen müssen, die nicht in jeder Phase ihres Lebens genau wissen, was sie wollen und welcher Verein gut für sie ist, bleibt ein eigentümlicher Prozess. Wie wunderbar, wenn sie auf einen Menschen treffen, der sie lesen kann und besser als sie weiß, wozu sie fähig sind. Und umgekehrt stellt sich zwangsläufig die Frage, welche Talente durchgefallen sind, weil sie nicht den richtigen Menschen fanden, der ihnen Mut und Vertrauen zusprach und sie auch im richtigen Moment richtig anleitete.. Sebastian Deisler fällt mir ein, das große Talent mit dem schweren Gemüt, das mit 27 mit dem Fußballspielen aufhörte, das ihn in die Verzweiflung und mehr trieb. Auch Toni Kroos gehört in diese Sparte, der ohne Jupp Heynckes vermutlich auch nicht ein Großer geworden wäre. Die Schwierigen sind bei Bayern München nicht unbedingt an der richtigen Adresse. Es gibt immer einen aus der Koryphäentruppe um Hoeness/Rummenigge, die den päpstlichen Unfehlbarkeitsbeschluss übernommen hat, die in zarteren Gemütern Weicheier entdecken, die es nicht verdienen, diesem ehrwürdigen Klub anzugehören. „Querpass-Toni“, sagte Hoeness, dieser Banause, und ließ ihn ziehen. Der größtmögliche Irrtum, der diesem Mann unterlaufen konnte.
Bei Real traf Toni Kroos auf Carlo Ancelotti, den sie in München vom Hof gejagt hatten. Er nennt ihn den bester Trainer, den er je hatte und vergisst dabei nie, auch Jupp Heynckes zu erwähnen. Und als Ousmane Dembelé auch noch Weltfußballer 2025 geworden war, erwähnte er seinen Trainer beim BVB. Die Schwierigen, die Nicht-Konventionellen wissen, wem sie etwas Entscheidendes im Leben zu verdanken haben. Darin liegt Tröstliches in diesem kommerziell verdorbenen Geschäft.