Aus unserer Fernsicht gehört Venezuela zu jenen seltsamen Ländern, die von merkwürdigen Figuren beherrscht werden, die Wahlen gewinnen, die sie eigentlich verloren hatten. Groß sind solche Diktatoren nur im Unterdrücken jedweder Opposition. Ihre Macht sichern sie durch Korruption, an der die wichtigsten Säulen des Staates teilhaben. Ohne die Unterstützung des Militärs wären sie machtlos.
Donald Trump hat es auf Venezuela abgesehen. Er nennt das Land einen „Narco-Staat“ und versenkt Schnellboote, von denen er sagt, dass sie die USA mit Drogen überschwemmen sollten. Trump schickt den größten Flugzeugträger der Welt und möchte Nicolás Maduro, der sich seit dem Jahr 2013 Präsident nennt, aus dem Amt fegen.
Wieder einmal streben die USA einen Regimewechsel an, aber diesmal nicht im Irak oder Afghanistan, sondern im eigenen Hinterhof, wie sie Lateinamerika in Washington abschätzig nennen. Ob Trump der maritimen Machtdemonstration eine Invasion folgen lässt, ist die große Frage, die er vermutlich selbst noch nicht beantworten kann. Vielleicht überlässt er den Vollzug auch dem CIA.
Was Donald Trump derzeit vor Venezuelas Küste anstellt, nannten man im frühen 19. Jahrhundert die „Monroe-Doktrin“ nach seinem Urheber, dem Präsidenten James Monroe. Sie besagte, dass nur die USA das Recht auf Intervention auf den amerikanischen Kontinenten besaß. Kein europäisches Land, zum Beispiel die alte Kolonialmacht Spanien, durfte sich dort noch einmischen. Umgekehrt würde sich die USA aus europäischen Konflikten heraushalten.
Die heutige „Donroe-Doktrin“, die The Donald entwickelt, läuft auf eine vergleichbare Variante hinaus: Die USA ziehen sich aus Europa zurück und behalten sich das Recht als Ordnungsmacht in der Karibik vor.
Was aber hat Trump von der Kanonenboot-Politik vor Venezuela? Aufschluss darüber gibt der Öltanker, den er kapern ließ: die „Skipper“. Das Schiff hat eine vielschichtige Geschichte.
Der Tanker verließ Venezuela am 4. Dezember mit zwei Millionen Barrel (ein Barrel sind 159 Liter) Schweröl an Bord. Zielort war die Hafenstadt Matanzas auf Kuba. Dort regiert ein Machthaber vom gleichen Schlag wie Maduro; Miguel Diaz-Canel heißt er und kujoniert den Inselstaat seit dem Jahr 2018.
Venezuela und Kuba sind zwei arme Länder, die aufeinander angewiesen sind. Maduro liefert Öl; sein Land verfügt über die größten Reserven der Welt mit 303 Milliarden Barrel. Es handelt sich aber um Schweröl, das erst technologisch anspruchsvoll aufgearbeitet und raffiniert werden muss, wozu Venezuela nur bedingt imstande ist. Kuba wiederum schickt Ärzte und Lehrer und dazu auch Leibwächter aus dem umfassenden Sicherheitsapparat.
Maduro wollte also mit der „Skipper“ wieder Diaz-Canel dringend benötigtes Öl zukommen lassen. Und damit wird die Geschichte des Tankers interessant.
Nicht etwa das gesamte Öl war für Kuba bestimmt, wie sich herausstellte. Nur rund 50 000 der zwei Millionen Barrel wurden auf einen anderen Tanker umgeladen, der dann den vorgesehenen Kurs auf Matanzas nahm. Der Rest war offensichtlich für Asien bestimmt, vielleicht für China. Denn Venezuela braucht händeringend Devisen und schert sich wenig um die Illegalität des Handelsverkehrs. Die Einnahmen aus dem heimlichen Export werden in Lebensmittel und Medikamente für die darbende Bevölkerung umgesetzt – 85 Prozent der Venezolaner leben nach Schätzungen der Uno unter der Armutsgrenze.
Damit nicht genug. Die „Skipper“ fuhr unter der Flagge Guyanas, einem kleinen Land im Norden Südamerikas; angeblich ohne Erlaubnis. Russen stellten die Crew. Unter dem Namen „Adisa“ hatte sich die „Skipper“ außerdem am illegalen Ölhandel mit Iran beteiligt und war deshalb auf die schwarze Liste geraten, sanktioniert vom Weißen Haus.
Trump konzentriert sich auf Venezuela mit der Behauptung, von dort würden Amerikaner mit Drogen in die Abhängigkeit versetzt. In Wahrheit ist Venezuela aber eher ein Transitland. Die größten Drogenproduzenten sind Kolumbien, Peru oder Mexiko. Fragt sich, warum Venezuela?
Das Land ist reich an Rohstoffen, zu denen neben Öl auch Gold und seltene Erden gehören. Da liegt der Verdacht nahe, dass es den USA um den Zugriff auf diese Ressourcen geht. Das ist sicherlich auch ein Grund. Doch dahinter steckt noch mehr.
Lassen wir mal beiseite, was alles dagegen spricht, und nehmen an, Trump macht ernst. Dann könnte Maduro ins Exil geschickt werden und Venezuela eine neue Regierung erhalten. Unter wem? Es fügt sich, dass sich mit der Nobelpreisträgerin Marina Corina Machado eine bestens beleumundete Kandidatin anbietet. In der Folge würde Kuba dann seinen Zugang zu billigem Öl verlieren und in noch größere Schwierigkeiten geraten. Dem ersten Domino könnte bald der zweite Domino folgen.
Die Idee zum doppelten Regimewechsel stammt von Marco Rubio. Den Außenminister schätzen Europäer als erfahrenen, bedachten Profi. Was aber Kuba anbelangt ist er Überzeugungstäter. Die Rubios flohen aus Havanna noch vor Fidel Castros Revolution im Jahr 1959. Viele Kubaner taten es ihnen nach. Heute leben Im Großraum Miami 1,6 Millionen Exilanten. Eine ziemlich große Mehrheit ersehnt eine neue Revolution, die Castros Erben vertreibt.
Zuerst Venezuela, dann Kuba: In dieser Reihenfolge sollen sich die Ereignisse vollziehen, wenn es nach Marco Rubio geht. Deshalb treibt er seinen Präsidenten zu konsequentem Handel an. Er weiß ja am besten, dass Donald Trumps Aufmerksamkeitsspanne ziemlich kurz ist.
Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.