Die Militärregierung im Tschad, einem Staat in Zentralafrika, hat den Notstand ausgerufen. Die Uno schätzt, dass dort 5,5 Millionen Menschen vom Hungertod bedroht sind. Der Präsident von Senegal, Micky Sall, flog nach Sotschi, um Wladimir Putin zu bitten, er möge doch die in vielen Ländern Afrikas dringend benötigten Weizenlieferungen freigeben. Der russische Präsident tat so, als seien ihm die Hände gebunden. Vom Westen, versteht sich.
Der Hunger in Afrika ist die zweite Front, an der Putin leichter Erfolge erzielt als im Donbass. Er argumentiert, dass die russischen Frachtschiffe nicht ausfahren können, weil sie vom Westen unter Sanktionen gestellt sind. Das stimmt zwar nicht, kommt aber gut an, weil die ehemaligen Kolonialstaaten England und Frankreich in Afrika nicht zufällig unter dem Verdacht stehen, stets ihren selbstsüchtigen Interessen zu folgen. In Wirklichkeit dürfen die russischen Frachtschiffe keine Häfen der Europäischen Union anlaufen, was aber bei gutem Willen kein größeres Problem wäre.
Russland ist der zweitgrößte Getreideproduzent weltweit. Die Ukraine ist auch ein wichtiger Exporteur und würde gerne liefern wie eh und je. Kann sie aber nicht. Den Hafen von Odessa blockiert die russische Marine. Kein Schiff, kein Frachter vermag auszulaufen. Weder Getreide noch Sonnenblumenöl (da ist die Ukraine führend) können verschifft werden. Dafür sorgt Russland, niemand sonst.
„Politik in Mafia-Manier“ nennt die „Süddeutsche Zeitung“ Putins zynisches Jonglieren mit den Lebensmitteln – den Mitteln zum Überleben. Hungersnöte sind abzusehen im Jemen, in Äthiopien, in Ägypten und Tunesien usw. Nach der ehernen Regel des Kapitalismus führt die gezielte Minderung des Angebots zur Verteuerung der Nachfrage. Der Weizen-Preis geht durch die Decke und je mehr Bedarf arme Länder haben, desto größer ist ihre Verzweiflung.
Diese Afrika-Strategie ist wirkungsvoll, keine Frage. Als die Uno vor kurzem über die Resolution abstimmte, mit der Russland zum Abzug seiner Truppen aufgefordert wurde, enthielten sich 16 afrikanische Länder, acht glänzten durch Abwesenheit und Eritrea stimmte dagegen. Ein Triumph für Putin, aber was für ein trostloser, was für ein widerwärtiger.
Das Vorgehen ist wie in Syrien parasitär. Wo immer sich eine Lücke auftut, stößt Putin hinein. Aus Mali zum Beispiel zog sich Frankreich zurück; seither führt die berühmt-berüchtigte Wagner-Gruppe, eine russische Söldner-Miliz, den Kampf gegen den IS. Auch in Afrika, ganz wie in Sowjet-Zeiten, sucht Russland den Wettbewerb mit dem Westen um Einfluss. Was aber hat Putin zu bieten? Waffen. Als mangelte es daran, als gäbe es nicht Wichtigeres.
An der ersten Front versucht die russische Artillerie weiterhin, sich den Weg frei zu schießen, inzwischen unterstützt von der Luftwaffe. Es ist ein langsamer Krieg, der sich noch lange hinziehen wird. Viele Kampfpanzer und anderes schwere Gerät hat die russische Armee verloren. Wie viele Soldaten gestorben sind, kann nur geschätzt werden., wahrscheinlich zwischen 20 000 und 30 000, jedenfalls enorm viele. Soeben sind offenbar neue Rekrutenjahrgänge an die Front geschickt worden. Der Krieg geht weiter, immer weiter.
Die entscheidende Frage lautet: Kann die Ukraine den Krieg gewinnen? Ihre militärische Taktik läuft darauf hinaus, dass sich die Russen möglichst langsam und unter enormen Verlusten durch den Donbass kämpfen müssen. Aus dieser Sicht birgt ein Abnutzungskrieg Chancen auf Erfolg. Der britische Militärexperte Philips Payson O’Brien sagt dazu Einleuchtendes im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“: „Es kommt darauf an, welche Verluste sie den Ukrainern zufügen im Vergleich zu den Verlusten, die ihnen zugefügt werden. Die Städte sind nicht entscheidend, entscheidend sind die Verluste.“
Irgendwann im Sommer will die Ukraine eine Gegenoffensive starten. Mit den schweren Waffen aus dem Westen, inklusive Deutschland. Solange der Nachschub rollt, bleibt vermutlich auch die Moral hoch. Und danach lässt sich vermutlich absehen, welcher Spielraum der Ukraine bleibt.
Dass man ein Herz aus Stein haben muss, um nicht mit der Ukraine zu bangen, versteht sich von selber. Dass man nicht leichtfertige Prognosen über den Kriegsausgang abgeben sollte, liegt auch auf der Hand. Die deutsche Außenministerin lässt ihr heißes Herz für die Ukraine schlagen. Der deutsche Bundeskanzler übt Zurückhaltung, gut so. In einer guten Regierung gehören unterschiedliche Stimmen zur selbstverständlichen Arbeitsteilung. Könnte man mal in Betracht ziehen, anstatt der Versuchung nachzugeben, Annalena Baerbock gegen Olaf Scholz ausspielen zu wollen.
Zu den Absurditäten dieser Tage gehört auch die Kritik daran, dass der Kanzler, und dazu Emmanuel Macron, gelegentlich mit dem Kriegsherrn im Kreml telefonieren. Geht’s noch? Zu hören, ob sich an Putins Einschätzung der Lage etwas geändert hat, gehört zum Vernunfthandeln, das man sich von Regierungschefs erwarten sollte.
Macron ist wie immer auf eigener Umlaufbahn. Er warnt davor, Putin zu demütigen. Da stellt sich sofort die Frage: Was heißt demütigen? Die größtmögliche Demütigung wäre den Krieg zu verlieren, nicht nur moralisch, sondern auch militärisch. Oder meint der französische Präsident, die Lieferung schwerer Waffen, vor allem Luftabwehrraketen, ginge zu weit? Und wo endet die Demütigung Russlands und wann beginnt die Demütigung der Ukraine?
An der ersten Front steht der Westen noch ziemlich einträchtig auf der Seite der überfallenen Ukraine. An der zweiten Front müssen sich Europa und Amerika etwas einfallen lassen, damit sie den Kollateralschaden des Krieges, den Russland in Afrika verursacht, schnell und wirksam mindern.