Perfekter Sturm

Ein zweiter US-Flugzeugträger ist im Mittelmeer aufgetaucht, der größte, den es gibt. Dazu verstärken jetzt Dutzende neuer Kampfflugzeuge die Stützpunkte im Nahen Osten, in den letzten Tagen eingeflogen aus den USA und Deutschland, darunter die F-35, der modernste Jet, den es derzeit gibt. Dazu sind Tankflugzeuge auf Kreta und in Spanien stationiert. Zu Wasser und in der Luft zeigt die Supermacht USA, was ihr Arsenal  im Fall der Fälle zu bieten hat.

Die Generäle sprechen in solchen Situationen gerne vom „perfekten Sturm“, der da heraufzieht. Damit meinen sie, dass Vorbereitungen für einen Angriff getroffen werden. Das Modernste vom Modernen soll diesmal dem Ziel dienen, Iran ein zweites Mal innerhalb kurzer Zeit anzugreifen. Vielleicht.

Eine dermaßen gewaltige Aufrüstung auf überschaubarem Raum kann Eigendynamik entwickeln – wenn die Armada zur See und die Top Guns in der Luft schon mal aufgefahren sind, müssen sie auch eingesetzt werden. Oder soll etwa die ganze militärische Prachtentfaltung nutzlos gewesen sein und einsatzlos wieder abziehen?

Als Wladimir Putin vor genau vier Jahren seine Armee an der Grenze zur Ukraine in großer Zahl aufmarschieren ließ, war schon klar, was passieren würde. Der russische Präsident ist berechenbar. Abzug nach Aufmarsch wäre aus seiner Sicht Schlappheit gleichgekommen. Auf den Aufmarsch folgte die Invasion, der Überfall, der Angriff. Das war die Logik am 24. Februar 2022.

Donald Trump hingegen ist unberechenbar. Heute scheint er wild entschlossen zu sein, die Theokratie in Iran sturmreif zu schießen. Die Gründe wechseln. Wegen des Bombenbaus. Weil die Mullahs die Demonstranten zu Tausenden töteten. Damit sie nicht mehr Israel mit Vernichtung drohen können. Damit sie keine Gefahr für die Region mehr darstellen.

Zeitgleich haben die Tausendsassas Steve Witkoff und Jared Kushner über Vermittler mit dem Team des iranischen Außenministers Abbas Araghchi in zwei Runden verhandelt. Araghchi sagte hinterher, es sei eine „allgemeine Übereinkunft über einige handlungsleitende Grundsätze“ erzielt worden. Das ist Diplomaten-Blablah für: nichts herausgekommen, war umsonst, hat sich nicht gelohnt. Die Herren (es handelt sich ausschließlich um solche) gingen ergebnislos auseinander und vereinbarten noch nicht einmal eine Fortsetzung der Verhandlungen.

Aus iranischer Sicht sieht die Sache momentan so aus: Reden schließt den Angriff aus. Es lohnt sich, Zeit zu gewinnen. Und wenn dann doch der 12-Tage-Krieg aus dem Juni 2025 eine Neuauflage erfahren sollte, werden wir ihn auch überstehen, glaubt die Clique um den geistlichen Führer Ali Khameini, der im April 87 Jahre alt wird. Und natürlich verfügt auch der Iran über ballistische Raketen jeder Reichweite, die auf Israel oder auf US-Stützpunkte, zum Beispiel in Jordanien, niedergehen könnten.

Die Zuversicht gründet auf dem Charakter Donald Trumps, der die Show liebt, wozu der Donnerhall der F-35 genauso gehört wie das gewaltige Zischen der Raketen, abgeschossen von Flugzeugträgern. Seine Aufmerksamkeitsspanne ist auch im Krieg luntenkurz, wie etwa die Israelis beklagen, weil sie unbedingt die Chance zum Beenden der Theokratie nutzen wollen.

Interessanterweise ist Trumps Maßstab der Atom-Deal, den Barack Obama im Jahr 2015 einging. An das eigentliche Drama, wodurch das Verhältnis zwischen den USA und Iran determiniert ist, erinnert er nicht – vielleicht hat es ihm niemand erzählt. Der Schah, der bis 1979 in Teheran herrschte, war Amerikas Mann.

Für ihn räumte die CIA den Ministerpräsidenten Mohammad Mossadegh im Jahr 1951 beiseite, der die Öl-Industrie nationalisiert hatte und damit die USA erzürnte. Sie installierte den Schah, der Amerika  entscheidenden Einfluss auf die Öl-Industrie einräumte. Er wurde zum Garanten der ökonomischen und strategischen Interessen der Weltmacht Amerika im Nahen Osten.

Damit ist es seit 1979 vorbei. Im Triumphzug kehrte damals am 1. Februar der Ajatollah Ruhollah Khomeini aus dem Pariser Exil zurück und übernahm die Macht. Von nun an war Amerika der große Satan, an dem sich die neuen Herrscher rächten.

Am 4. November 1979 stürmten radikale Studenten die US-Botschaft in Teheran und nahmen 53 Menschen als Geiseln. Ihre Forderung: Auslieferung des Schah, der in die USA geflohen war und bald darauf an Krebs starb.

Wovon weder Khomeini noch die Studenten geträumt hatten, ereignete sich in den folgenden 444 Tagen: Sie bestimmten über den nächsten Präsidenten in Washington. Jimmy Carter, der Amtierende beging einen schweren Fehler, den gleichen wie John F. Kennedy 19 Jahre vor ihm. Er wollte militärisch durchgreifen.

Carter beorderte einen Flugzeugträger in die Region. Spezialkräfte sollten mit Hubschraubern die Geiseln befreien und dann auf die USS Nimitz fliegen. Wie damals im April 1961 in Kuba scheiterte auch dieser Versuch im April 1980 kläglich. 

Den Schuldigen sahen die amerikanischen Wähler in Jimmy Carter und wählten an seiner Stelle Ronald Reagan. Zur Amtseinführung am 20. Januar 1981 gab Khomeini die Geiseln frei. Mission erledigt.

Donald Trump ist Donald Trump. Das historische Gedächtnis an das Drama im Jahr 1980 ist für Verlierer. Er aber will immer ein Sieger sein. Worin aber könnte der Sieg diesmal bestehen?

Im Wegfegen der Mullahs? Nicht einfach, weil ja die Säulen des Regimes noch stehen. Im Töten Ali Khameneis? Die Macht verkörpert eher das Korps der Revolutionsgarden, die nicht zufällig Wächter der Theokratie genannt werden. Einzelne miliitärische Führer haben Israelis und Amerikaner ermordet, ohne dass daraus Konsequenzen erwachsen wären.

Im Generalangriff auf die Säulen der Revolution? Krieg ist in der MAGA-Welt, in der Trump lebt, nicht unbedingt populär. Vor allem ein Krieg, der im Grund folgenlos bleibt, wäre verhängnisvoll, auch wenn der Präsident in gewohnter Manier behaupten würde, seiner Genialität sei auch diesmal wieder historisch Beispielloses geglückt.

Im Grunde verliert Trump gerade die Kontrolle über die Ereignisse. Nicht auf ihn, sondern auf die Führung in Teheran kommt es an. Macht sie weiterhin keine Anstalten, das Atomprogramm wesentlich einzuschränken, steht der Großmächtige im Weißen Haus vor einem Dilemma. Entweder er gibt den Befehl zum Angriff, mit dem Risiko, wieder wenig zu erreichen. Oder er zieht die beiden Flugzeugträger und die F-35 tatenlos ab.

Wie auch immer er sich in den nächsten Tagen entscheidet – von nun an steht er unter Rechtfertigungszwang.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.